TRENDREPORT - Exklusive Preview: Die Trendthemen für 2009

 Studie bestätigt Wandlung aus der Krise hin zu Individualität, Luxese und Ruheinseln.

Aus Ausgabe 04/08

Das Forscherteam des Zukunftsinstituts beschäftigt sich momentan intensiv damit, welches die maßgeblichen und prägenden Trends für 2009 sein werden und haben eine Studie zu den Wirkungen der derzeitigen Krise veröffentlicht. In der Redaktion haben wir einen Blick in die neuen Studien geworfen und möchte Ihnen Ausschnitte daraus vorstellen.

Spekulationsblasen bringen Fortschritt

Krisen machen Angst. Und Angst prägt das Klima der Gegenwart. Aber Krisen, so zeigt die Geschichte und die persönliche Erfahrung, sind auch wichtige Elemente von Wandlungsprozessen. In der Krise zerfallen überkommene Strukturen, werden Regeln, Systeme, Paradigmen, die bisher als unhinterfragbar galten, auf den Prüfstand gestellt. Finanzblasen haben immer schon zum Geldsystem der Welt gehört. Sie bieten uns eine »Botschaft«, deren Sinn wir entschlüsseln müssen. Und immer entstanden eine gewisse Zeit nach ihrem Platzen neue Ökonomien, neue Wachstums-Dynamiken und Kultur-Systeme. Die Wirtschaftskrise, die mit der US-Immobilien-Blase ihren Anfang nahm, lässt einen neuen globalen Sozialkontrakt erahnen, der unser Leben, unsere Wirtschaft und uns selbst verändern wird. In der globalen Krise entstehen eine neue Weltordnung und ein neues Wertesystem.

Die späte Niederlage Amerikas

Als vor nunmehr bald zwanzig Jahren die Mauer fiel und der Eiserne Vorhang zu Rost zerbröselte, schien alles klar: Der Triumph des Westens beschleunigte die Marktkräfte, die Globalisierung nahm an Fahrt auf, riesige neue Weltmärkte entstanden. Das Weltwirtschaftssystem wurde amerikanisiert und monetarisiert, das Finanzsystem amerikanischer Prägung geriet zum Standardmodell für die Welt. Kaum ein Land konnte sich diesem Sog entziehen.

Nun zeigt sich, dass die ökonomischen Mechanismen des amerikanischen Welt-Kapitalismus nicht mehr funktionieren. Doch die Krise ist nicht nur eine »Finanzkrise«, die mit einigen fiskalischen Kontrollen erledigt wäre. Die Kaskaden von Angst und Panik, die nach dem Platzen der Blase rund um den Erdball kursierten, deuten darauf hin, dass etwas Tieferes berührt wurde. Es geht um das gesamte Weltwirtschaftsordnungssystem, das nach dem Ende des Kalten Krieges entstand. Es geht um die Abhängigkeiten der Länder untereinander, um die Funktion »supra-nationaler« Organisationen. Um die grundlegenden Weltschöpfungen. Um die Rolle des Staates. Und schließlich auch um Wertordnungen, Kulturstile. Die »Bankenkaste« stieg in den letzten beiden Jahrzehnten zur stilbildenden globalen Schicht auf. Ihr Habitus prägte den urbanen Geist des frühen 21. Jahrhunderts, Städte wie London, New York und Shanghai. Langsam verschwinden die Banker aus den Bars und Scheinwerferlichtern. Wer wird ihre Stelle einnehmen? Es geht um die zentrale Ressource, bei der alles endet – und anfängt: Vertrauen!

The Beauty of Bubbles: warum Spekulationsblasen Fortschritt bringen

Finanzblasen lassen sich in einer offenen Weltwirtschaft nicht vermeiden. Immer werden Menschen, Systeme, seriöse Ökonomen zu Fehleinschätzungen und falschen Spekulationsmechanismen kommen. Wer dieses Risiko auf Null stellen will, müsste das Geld verbieten! Interessant ist aber, wann und in welchen ökonomischen Kontexten Finanzblasen entstehen. Zunächst darf man Blasen nicht mit jenen Boom-Phänomenen verwechseln, zu denen es in realen Prosperitätsphasen kommt. Dann, wenn billiges Geld auf produktive Techniken trifft und sich der gesamte Kuchen des Wohlstands kräftig vermehrt. In diesen Phasen schafft ein Boom keine Blase, sondern einen »Buckel«: Realwirtschaft und Börsenkurse steigen parallel und »realistisch«. Zu Blasen kommt es dann, wenn das vermehrte Kapital keine sinnvolle Form der Geldanlage mehr findet. Wenn die alten Wertschöpfungsmodelle der Wirtschaft nur noch scheinbar funktionieren, etwa durch horizontale Ausweitung der Märkte, wie in Globalisierungsphasen.

Dann verkaufen Unternehmen »das ewige Gleiche« einfach weiter. Und sie machen Profite, aber keine Innovationen mehr. Langsam, unmerklich zuerst, werden Investoren so zu Zockern.

Das Gesundheits-Paradox: Warum Krisenzeiten die Lebensqualität verbessern können

Ökonomische Krisen, so scheint es auf den ersten Blick logisch, führen zu wachsenden Gesundheitsproblemen. Das Gegenteil ist der Fall. Im Jahre 2000 veröffentlichte der Ökonomieprofessor Christopher J. Ruhm (University of North Carolina) eine Studie über den Effekt von Rezessionen auf den Gesundheitszustand der Menschen. In den amerikanischen Rezessionen von 1974 und 1982 verringerte sich die Todesrate in den USA um volle acht Prozent. Die Menschen ernährten sich gesünder, bewegten sich mehr, und zeigten ein weniger riskantes Verhalten zum Beispiel im Autoverkehr.

Wie kommt dieser erstaunliche Effekt zustande? Grant Miller, ein Assistenz-Professor an der Stanford University, Fachbereich öffentliche Gesundheit, hat den Effekt näher untersucht. Nach seiner Ansicht ermöglicht schon allein das Nachlassen von Stress, das in Krisen automatisch entsteht, gesündere Lebensformen. In Boom-Zeiten ist die Zeit knapp, viele Menschen kümmern sich weniger um ihren Körper, um die Familie, um Stressabbau. Ernährung wird oft exzessiv und zwischendurch betrieben, Sport vernachlässigt. In der Krise kommt es zu einer Innenwendung: Man kümmert sich wieder mehr um das eigene Wohlbefinden, rückt sozial näher zusammen, kocht häufiger, isst bescheidener. Demonstrativer Konsum wird nun eher als Exzess denn als Status-Expression empfunden. In der Folge reduzieren sich jene gesundheitlich riskanten Verhaltensformen, die die so genannten »Zivilisationskrankheiten« vorantreiben.

Vom Segen der Rezession: Zeiten zum Umsteuern

Rezessionen sind goldene Zeiten für das Bewusstsein, die Zusammengehörigkeit und die Kreativität der Menschen. Wenn die Wachstumskräfte versagen, beginnen wir, über uns selbst und unsere wirklichen Bedürfnisse nachzudenken. Wir fokussieren: Was ist wirklich wichtig, was gibt uns Sicherheit? Was war eigentlich schon eine ganze Weile überflüssig und hat uns »vom Wesentlichen« abgelenkt? Haben wir nicht in vielerlei Hinsicht die Weichen falsch gestellt? Und können wir das jetzt korrigieren?

Die Wertediskussion

Menschen und Gesellschaften besinnen sich auf die Substanz ihres Lebensmodells. Sie besinnen sich auf Werte. Eine der ersten Reaktionen ist das Sparen. Und dieses Sparen ist, wie die Erfahrung zeigt, plötzlich entlastend: Man merkt, dass man vieles eigentlich gar nicht brauchte. Man verringert seine Abhängigkeiten. Eine weitere Reaktion ist das Zusammenrücken. Familiäre Kontakte werden wiederbelebt. Alte Freunde wieder besucht. Die Krise begründet eine neue Wunsch-Ökonomie, in der die Knappheiten anders definiert werden. Knapp sind nun vor allem immaterielle Güter des Trostes, der Versicherung, der Kompensation von Ängsten, Inszenierungen von Treue. Die Krise fördert eine neue Spiritualität. Wir erleben eine kollektive Abwendung vom „Überkonsum“ und eine Hinwendung zu humanistisch-ökologischen Formen der Spiritualität.


Zwei der wichtigsten Themen für das neue Jahr, die auf diesem Umdenken basieren, möchten wir bereits heute dazu vorstellen:


Deutschland geht offline

Einerseits wachsen die Immer-Erreichbarkeit und der Rund-um-die-Uhr-Informationsfluss, doch zugleich wird auch der Wunsch nach einer Auszeit von dem Informations-Overload lauter. Die Autoren sind sich sicher: Das Bedürfnis nach Ruheinseln und Rekreationsräumen, in denen es keinen Handy-Empfang gibt und das einzige Speichermedium das eigene Gehirn ist, wird künftig immer wichtiger.

Uniquability wird zum Einstellungskriterium

Das Human-Ressource-Management von morgen orientiert sich nicht länger nur an Zeugnissen und Leistungen, sondern muss neue Wege finden, das passende Humankapital heraus zu kristallisieren. Am wichtigsten wird künftig – so die These der Experten – die Einzigartigkeit eines Arbeiters sein.


Alle 10 Trend-Themen für 2009 finden Sie im Trend-Report 2009. Seit sechs Jahren analysieren die Forscher des Zukunftsinstituts jeweils zum Jahresende die zukünftigen soziokulturellen Trends. „Wir schauen von der Hinterkante des vergangenen Jahres in das nächste Jahr und zeigen Ihnen die wichtigsten Trends für 2009“, so Herausgeber Matthias Horx. Der Trend-Report erscheint am 5. Dezember 2008.


Trend-Report 2009 - Die soziokulturellen Schlüsseltrends für die Märkte von morgen

Matthias Horx

134 Seiten, 27 Abbildungen

ISBN: 978-3-938284-44-5

125 € inkl. MwSt.

Weitere Informationen unter: www.zukunftsinstitut.de

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